
|
|
Zwoa Brettln, a g'führiger Schnee
Auswirkungen von Beschneiungsanlagen im Alpenraum
Seit mehr als 10 Jahren gehört die Verwendung von technisch hergestelltem Schnee zu den wissenschaftlich kontrovers diskutierten Themen. In Österreich werden heute 34 % der Pistenflächen künstlich beschneit, wovon nicht einmal mehr Gletscherskigebiete ausgenommen sind. Rund 300 Beschneiungsanlagen sorgen hierzulande für "gepflegte" Pisten und einen g'führigen Schnee, im Alpenraum sind es rund 550.
Der wichtigste Grund für die explosionsartige Zunahme - allein von 1990 bis 1996 hat sich die Anzahl verdoppelt - ist die Sicherung der touristischen Auslastung, aber auch das Image von Austragungsorten internationaler Skiwettkämpfe, die Sicherung der Einkommen der Seilbahngesellschaften und der Trainingsbedingungen für den Spitzensport und seinen Nachwuchs sind entscheidend. Für weite Teile der Öffentlichkeit ist die Beschneiung noch immer ein Symbol für die Entwicklung des Fremdenverkehrs auf Kosten der Natur.
Eine breit angelegte Studie zu "Kunstschnee und Umwelt" sollte daher auf der Grundlage wissenschaftlicher Langzeitstudien zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen. Der einzelne Skifahrer besitzt demnach noch immer eine überwiegend negative Einstellung zur Beschneiung, nutzt beschneite Abfahrten aber dennoch regelmäßig. Die Beschneiung erweist sich damit als ein charakteristisches Beispiel für einen krassen Widerspruch zwischen Einstellung und Verhalten. Die Verantwortung wird vorwiegend dem Fremdenverkehr angelastet. Viele Skifahrer erwarten jedoch eine weitere Verschlechterung der klimatischen Bedingungen für den Wintersport, dies wird die Bedeutung der Beschneiung noch erhöhen.
Auswirkungen auf Vegetation und Boden
Die bislang weit verbreiteten Ansichten und Prognosen über die Auswirkungen auf Naturhaushalt und Landschaftsbild müssen ganz oder teilweise revidiert werden. Insgesamt sind die positiven Auswirkungen geringer als erwartet - wie z. B. ein dauerhafter Schutz vor mechanischer Beschädigung oder Frosteinwirkung. Vielmehr muss im Einzelfall geprüft werden, ob und auf welche Teilbereiche sich die Beschneiung positiv auswirken könnte.
Frostschäden an der Vegetation. Sie können durch den Kunstschnee dann nicht herabgesetzt werden, wenn sowohl die Höhe der Grundbeschneiung (flächendeckende Beschneiung vor Saisonbeginn) als auch die natürliche Schneehöhe 20 cm oder weniger betragen. Hier dürfen Schutzeffekte durch den Kunstschnee nicht erwartet werden. Durch eine erhöhte Schneedichte und Tendenz zur Vereisung können Pflanzenschädigungen vor allem im Spätwinter entstehen.
Verlängerte Schneebedeckung. Bis ca. 1600 m führt sie nicht zu Ertragsverlusten, sofern diese Flächen schon zuvor als Piste genutzt wurden. Die Ergebnisse bestätigen jedoch die bekannten Ertragsunterschiede zwischen Pistenflächen und ungenutzten Referenzflächen.
Kritisch kann eine Beschneiung jedoch in Hochlagen sein, wenn sich die Vegetationszeit tatsächlich verkürzt und sich daher einzelne autochthone Arten nicht mehr wie bisher vermehren können.
Erosionserscheinungen. Die Gefahr von Rutschungen durch die zusätzlich aufgebrachte Wassermenge besteht nur, wenn eine Reihe ungünstiger Rahmenbedingungen, z. B. Schneeschmelze, starke Erwärmung und Regenfälle zusammentreffen. Die zusätzliche Wassermenge stellt in der Regel dann ein Problem dar, wenn die Standortverhältnisse auf der Piste bereits Störungen oder eine hohe natürliche Labilität aufweisen. Ist allerdings das verwendete Wasser mit Nährstoffen belastet, kann sich dies auf Boden und Vegetation auswirken und die Artenzusammensetzung beeinflussen.
Auswirkungen auf den Wasserhaushalt
Auswirkungen können sich durch die zusätzlich aufgebrachte Wassermenge - 15-20.000 m³ pro 10 ha, den Stoffeintrag und die Wasserentnahme, aber auch die damit verbundene Störung von Gewässerlebensräumen ergeben.
Zu beachten und in jedem Einzelfall zu überprüfen ist, dass selbst bei guter Wasserqualität und ökologischer Unbedenklichkeit die Einträge von einzelnen Inhaltsstoffen beachtlich sein können. Bei der Wasserentnahme müssen vorrangig folgende indirekte Auswirkungen, Summen- und Wechselwirkungen beachtet werden:
|
|
|
|
|
Auswirkungen auf die Fauna
Sie sind durch fehlende Untersuchungen in vielen Bereichen noch nicht zufriedenstellend zu beantworten. Fest steht jedoch, dass neben den direkten Wirkungen, wie längere Schneebedeckung, Lärm und Licht bei Nachtbetrieb, auch die indirekten Folgewirkungen auf Kondition und Fortpflanzung der einzelnen Arten und damit auf das Ökosystem nicht unerheblich sein können. Störreize bei der Balz, die eine Befruchtung verhindern, können die gesamte Population schwächen. Weitere Folgeeffekte können von der Vertreibung aus optimalen Einstands- bzw. Ruhegebieten über verminderte Möglichkeiten zur Nahrungssuche bis zu Energieverlusten bei der Flucht und zur Zerschneidung von Lebensräumen ausgehen. Als geeignete Indikatoren gelten Vögel und Insekten, besonders aber Bodenarthropoden (Insekten, Tausendfüßer), da sie empfindlich auf die längere Schneebedeckung reagieren.
Lärm. Diverse Untersuchungen und eigene Erhebungen weisen darauf hin, dass vor allem die möglichen Auswirkungen auf winteraktive Großvögel, wie Auer-, Birk- und Haselhuhn überprüft werden müssen. Auch bei den dämmerungs- und nachtaktiven Eulen und Käuzen mit ihrem empfindlichem Gehör wird aufgrund von Abwanderungen von einer erheblichen Störung ausgegangen. Immerhin sind bei 10 ha beschneiter Fläche rund 60 ha vom Lärm betroffen.
Niedrigwasser. Wenig beachtet wurden bislang die indirekten Folgen einer Wasserentnahme und auch mögliche Beeinträchtigungen durch künstliche Teiche. Wird durch die Beschneiung die Wassermenge deutlich reduziert, dann verschlechtern sich die Jagdbedingungen z. B. für die Wasseramsel, die an Gewässern überwintert und sich von Kleintieren im Wasser ernährt. Die Gefahr von gefrorenen Teilflächen erhöht sich und kann das zur Verfügung stehende Nahrungsangebot weiter einschränken. Amphibien und Libellen eignen sich gut als Indikatoren für die entstehenden oder veränderten Gewässerökosysteme. Von ihnen können Rückschlüsse auf eine mögliche Beeinträchtigung weiterer Arten der Gewässerfauna gezogen werden.
Auswirkungen auf das Landschaftsbild
In diesem Zusammenhang wird meist das als störend empfundene "weiße Band" in einer schneefreien Landschaft genannt, das jedoch durch unterschiedliche Faktoren (Waldanteil, Lage, Umfeld) abgemildert werden kann. Daneben sind Beeinträchtigen durch die erforderlichen Kühltürme, Anschlussstellen, Aufbewahrungsräume bzw. Hütten für Schneekanonen, Schläuche usw. möglich. Auch die Anlage eines großen Speicherteichs kann das Landschaftsbild gerade in den Sommermonaten stark verändern.
Wie geht es weiter?
Insgesamt zeigt der Überblick über den Stand der aktuellen Forschung, dass ein Teil der Prognosen von vor rund 10 Jahren überholt ist. Gleichzeitig bestehen in einigen Bereichen, wie Tierwelt und Wasserhaushalt, noch erhebliche Forschungsdefizite. Umweltverträglichkeitsprüfungen oder landschaftspflegerische Begleitplanungen könnten wesentlich zur Vermeidung gravierender Eingriffe und zu ihrer Kompensation beitragen.
Nachdem in vielen Gebieten der Ausbaustand für die Beschneiung erreicht ist, stellt sich die ökonomisch und ökologisch begründete Frage nach einem zielgerichteten Management, das sich um die Reduzierung des Stromverbrauchs, die effiziente Nutzung des Wassers, die Koordination der Pistenpflege und den Schutz von Boden und Vegetation kümmert. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ordnungsrechtliche Maßnahmen hier wenig weiter helfen. Als eine neue Möglichkeit könnte sich ein spezielles Öko-Audit für Skigebiete herausstellen.
In diesen Tagen erscheint dazu ein Leitfaden, herausgegeben von der Stiftung pro natura - pro ski (Vaduz), der gemeinsam mit Bergbahnen aus Österreich, der Schweiz und Liechtenstein speziell für die Belange der Landschaft neu entwickelt wurde. Konkrete Checklisten zum Beispiel für das Umweltmanagement zeigen, wie die Unternehmen - eigenverantwortlich und auf Dauer - zu einem verträglicheren Umgang mit Natur und Landschaft und zu Verbesserungen beitragen können.
Dr. Ulrike Pröbstl
AGL - Institut für ökologische Forschung
St. Andrästr.8
D-82398 Etting-Polling
e-mail: info@agl-proebstl.de
Kunstschnee
ist nicht wirklich Schnee. Was in Skigebieten als synthetische Flocken aus Wasser und Druckluft auf die Pisten gepustet wird, hat ein Forscher vom US Nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung unter die Lupe gelegt: Schneekanonen produzieren statt feiner Kristalle nur unförmige Eisklumpen, weil ihnen der Eiskern fehlt. Eiskerne sind natürlich in der Atmosphäre vorkommende Fremdpartikel wie Silberjodid, an die sich unterkühlte Wassertropfen anlagern. Kunstschnee ist nicht mehr als Eispulver. Darum sind einige Skigebiete inzwischen dazu übergegangen, der Wintersport-Fertigmischung "Eiskerne" zuzumischen, darunter auch bestimmte Bakterien. Dass diese die Qualität des Kunstschnees erhöhen, bezweifeln Experten. (SN, 20. 2. 2003)
|
|
|